IT-Carve-out und Carve-in
Carve-out und Carve-in sind derselbe Vorgang, von verschiedenen Seiten des Zauns aus gesehen: Ein Unternehmensteil wechselt den Eigentümer, und seine IT muss dabei aus einer Landschaft heraus und in eine andere hinein. Wer abgibt, nennt es Carve-out. Wer aufnimmt, nennt es Carve-in. Es sind dieselben sechs Schnitte, dieselbe Stichtagslogik und in aller Regel dieselben Wochen — der Stichtag kommt aus dem Kaufvertrag und nicht aus der IT.
Warum das kein normales Projekt ist
Fachlich ist vieles davon Standardarbeit — Migration, Verzeichnisdienst, Arbeitsplätze. Was das Vorhaben schwierig macht, sind vier Randbedingungen, die es sonst so nicht gibt. Sie gelten für beide Seiten des Zauns, nur mit vertauschten Vorzeichen.
Der Termin kommt von außen
Der Stichtag steht im Kaufvertrag. Er verschiebt sich nicht, weil die Migration länger dauert. Alles andere im Plan ordnet sich ihm unter — auch das, was fachlich eigentlich zuerst käme.
Die Informationslage ist unvollständig
Was genau zum betroffenen Bereich gehört, ist am Anfang nie vollständig bekannt. Verträge, Lizenzen, Schnittstellen und Datenbestände tauchen auf, während schon umgebaut wird. Ein Plan, der das nicht einkalkuliert, ist nach drei Wochen Makulatur.
Es gibt zwei Projektleitungen, nicht eine
Weil derselbe Vorgang von zwei Organisationen geführt wird, sitzt am anderen Ende immer jemand mit eigenem Auftrag. Beide wollen einen sauberen Schnitt, aber nicht denselben. Wer was bezahlt, wer wie lange liefert und wer im Zweifel wartet, wird nicht einmal geklärt, sondern laufend. Das ist weniger eine technische als eine Verhandlungsaufgabe.
Übergangsservices sind eine Notlösung mit Preisschild
Was zum Stichtag nicht getrennt ist, läuft als Übergangsservice weiter. Das ist normal und eingeplant. Teuer wird es, wenn die Laufzeit zu knapp bemessen war und verlängert werden muss — dann verhandelt man aus der schwächeren Position.
Wo die Grenze zur M&A-Beratung verläuft
Die Transaktion wird woanders verhandelt. Was hier gesteuert wird, ist die Frage, ob am Stichtag jemand arbeiten kann.
Die sechs Schnitte, die gleichzeitig laufen
Dieselben sechs Schnitte, egal von welcher Seite man kommt — nur bedeutet abgeben etwas anderes als aufnehmen. Wer abgibt, muss wissen, was mitgeht. Wer aufnimmt, muss entscheiden, was davon in die eigenen Standards passt. Kein Schnitt lässt sich vollständig abschließen, bevor der nächste beginnt; deshalb zählt weniger die Reihenfolge als die Frage, welcher Strang der längste ist.
| Schnitt | Was zu klären ist | Typische Falle |
|---|---|---|
| Infrastruktur | Netz, Rechenzentrum, Anbindung, Betriebsübergänge | Gemeinsam genutzte Leitungen und Systeme, die niemand auf der Rechnung hat |
| Identitäten | Verzeichnis, Konten, Berechtigungen, Anmeldeverfahren | Der längste Pfad — und der, mit dem regelmäßig zuletzt begonnen wird |
| Arbeitsplatz | Geräte, Software, Support, Telefonie | Lizenzen sind oft nicht übertragbar; die Neubeschaffung hat Lieferzeiten |
| Daten | Was gehört wem, was bleibt, was muss aufbewahrt werden | Aufbewahrungspflichten kollidieren mit dem Wunsch nach einem klaren Schnitt |
| Verträge | Laufzeiten, Übertragbarkeit, Kündigungsfristen | Rahmenverträge, die nur der Konzern hat und die der abgetrennte Teil nicht mitnimmt |
| Übergangsservices | Wer liefert was, wie lange, zu welchem Preis | Zu kurz kalkuliert — und die Verlängerung wird einseitig bepreist |
Rückwärts vom Stichtag
Ein solcher Plan wird nicht vorwärts gerechnet, sondern rückwärts: vom Stichtag über die letzte Umschaltung, die Testphase und die Datenübernahme bis zu dem Punkt, an dem die Entscheidung fallen muss, was überhaupt mitgeht.
In den meisten Vorhaben liegt der kritische Pfad bei den Identitäten. Konten, Gruppen und Berechtigungen hängen an allem — an Postfächern, Dateiablagen, Fachanwendungen und Fernzugriffen. Wer damit spät beginnt, verschiebt nicht einen Strang, sondern alle.
Der zweite Punkt, der regelmäßig unterschätzt wird, sind die Laufzeiten der Übergangsservices. Sie werden früh verhandelt, wenn der Umfang noch unklar ist, und sie lassen sich später nur zu den Bedingungen der Gegenseite verlängern. Realistisch geschätzte Laufzeiten sind an dieser Stelle billiger als optimistische.
Ein Integrationsprogramm nach Zukauf
IT-Integration und Migration nach Zukauf
Die aufnehmende Seite: Rund 3.500 Arbeitsplätze an mehr als 25 Standorten wurden in eine bestehende IT-Landschaft integriert — E-Mail, SharePoint und Teams, Active Directory, Telefonie und Hardware. Am anderen Ende lief zeitgleich die Trennung aus der alten Landschaft, geführt von der Gegenseite.
Kurze Migrationsfenster, mehrere Zeitzonen und ein Team aus über 40 internen und externen Beteiligten. Der Aufwand lag weniger in der Migration selbst als in der Abstimmung darüber, wann welcher Standort umgeschaltet werden konnte, ohne dass am nächsten Morgen die Arbeit stillstand.
Weitere anonymisierte Mandate mit Größenordnung und übernommener Verantwortung stehen unter Mandate.
Was in solchen Vorhaben zuerst gefragt wird
Was ist der Unterschied zwischen Carve-out und Carve-in?
Die Perspektive, nicht der Vorgang. Es ist dieselbe Trennung: Auf der einen Seite wird ein Bereich aus der Landschaft gelöst, auf der anderen in eine neue aufgenommen. Beide Enden laufen gleichzeitig und gegen denselben Stichtag. Was sich unterscheidet, ist die Verantwortung — wer abgibt, muss wissen, was mitgeht und was bleiben muss; wer aufnimmt, muss entscheiden, was davon in die eigenen Standards passt.
Wie früh muss die IT eingebunden sein?
Sinnvollerweise vor der Unterschrift, praktisch fast nie. Wenn die IT erst nach dem Signing dazukommt, ist der erste Schritt eine ehrliche Bestandsaufnahme dessen, was bis zum Stichtag realistisch trennbar ist — und was über Übergangsservices laufen muss.
Was ist ein Übergangsservice (TSA)?
Eine vertraglich vereinbarte Weiterversorgung nach dem Stichtag: Der bisherige Betreiber liefert bestimmte IT-Leistungen für eine befristete Zeit weiter, gegen Entgelt. Das ist der übliche Weg für alles, was bis zum Stichtag nicht getrennt werden kann.
Ersetzt das den Umsetzungspartner?
Nein. Migriert, konfiguriert und gebaut wird vom Systemhaus, vom Hersteller oder vom eigenen Team. Gesteuert wird das Vorhaben — Abhängigkeiten, Termine, Entscheidungen und die Abstimmung mit der Gegenseite.
Welche Form dazu passt
Ein Eigentümerwechsel ist auf beiden Seiten fast immer ein Projektleitungsfall. Steht das Vorhaben noch am Anfang oder fehlt der Überblick, ist eine Einordnung vorher der günstigere Weg.
Methodische IT-Projektleitung
Die Mandatsform für Vorhaben mit fremdbestimmtem Termin und vielen Beteiligten.
Projekt-Initialisierung
Wenn der Stichtag feststeht, aber Umfang, Rollen und Plan noch nicht.
Infrastruktur und Rechenzentrum
Das angrenzende Feld: Umzüge, Netz und Cloud mit engen Umschaltfenstern.
Mandate
Neun anonymisierte Fälle mit Größenordnung und übernommener Verantwortung.
Steht ein Stichtag im Raum?
Wenn ein Unternehmensteil den Eigentümer wechselt, entscheidet sich früh, was bis zum Stichtag trennbar ist und was über Übergangsservices läuft. Darüber lässt sich in zwanzig Minuten sprechen.