„Never change a running system.“
Der Satz ist keine Ausrede. Er ist die Zusammenfassung von zwanzig Jahren Betriebserfahrung. Wer ein Produktivsystem anfasst, das funktioniert, geht ein Risiko ein — und bekommt im besten Fall keinen Applaus, weil hinterher alles ist wie vorher.
Genau deshalb funktioniert der Satz so gut. Und genau deshalb ist er teuer.
Wie verbreitet ist das Warten wirklich?
Deutlicher, als die meisten Betriebe von sich glauben.
Windows 10 hat am 14. Oktober 2025 den regulären Support verloren. Im August 2026 — also zehn Monate danach — lag der Marktanteil in Deutschland bei fünfundzwanzig Prozent. Er ist innerhalb eines Monats sogar um dreieinhalb Punkte gestiegen (PC Games Hardware zu den Statcounter-Zahlen).
Ein Viertel des Marktes läuft auf einem Betriebssystem ohne regulären Support. Und der Anteil wächst gerade wieder.
25 %
Marktanteil hält Windows 10 in Deutschland — zehn Monate nach dem Supportende, mit steigender Tendenz.
Das ist keine Nachlässigkeit einzelner Betriebe. Es ist ein Muster, und Muster haben Gründe.
Warum wird die Ablösung verschoben?
Vier Gründe treffen fast immer zusammen. Keiner davon ist unvernünftig.
| Grund | Was dahintersteckt | Was hilft |
|---|---|---|
| „Das System läuft“ | tägliche Bestätigung, dass es noch Zeit hat | Signale zählen statt Ausfälle abwarten |
| Kein Anlass | Modernisierung hat keinen äußeren Termin | feste Budgetquote als innerer Termin |
| Aufwand unbekannt | niemand weiß, was daran hängt | Abhängigkeiten in zwei Terminen kartieren |
| Fachleute gehen | Reaktionsfähigkeit sinkt unbemerkt | Wissen dokumentieren, bevor es geht |
Das System läuft. Der stärkste Grund, und der am schwersten zu widerlegende. Ein Altsystem liefert täglich den Beweis, dass die Ablösung noch Zeit hat. Bis zu dem Tag, an dem es ihn nicht mehr liefert.
Es fehlt der Anlass. Modernisierung hat keinen Termin. Anders als ein Audit, ein Umzug oder ein Vertragsende erzeugt sie keinen Druck von außen — und ohne Druck gewinnt jedes Jahr das dringendere Vorhaben.
Der Aufwand ist unbekannt. Niemand weiß genau, was an dem System hängt. Diese Unsicherheit lässt sich nicht budgetieren, und was sich nicht budgetieren lässt, wird nicht beantragt.
Die Fachleute gehen. Wer das System betreut hat, geht in Rente oder wechselt. Damit sinkt das Risiko scheinbar nicht — aber die Fähigkeit, im Ernstfall zu reagieren, ist weg.
Der letzte Punkt ist der, der am wenigsten beachtet wird und am schnellsten wirkt.
Woran merken Sie, dass der Spielraum enger wird?
Nicht an einem Datum. An Signalen, und die kommen in einer erkennbaren Reihenfolge.
- Integrationsvorhaben scheitern regelmäßig an der Altarchitektur, nicht an den neuen Systemen
- Für ein System gibt es nur noch eine Person im Haus, die es versteht — oder keine
- Der Hersteller liefert keine Aktualisierungen mehr, aber Verträge und Zertifizierungen verlangen sie
- Sonderlizenzen und Wartungsverträge werden jedes Jahr teurer, ohne dass sich etwas verbessert
- Ein neues Vorhaben wird nicht abgelehnt, sondern „auf später verschoben“, weil die Grundlage fehlt
Ab drei dieser Signale ist die Frage nicht mehr, ob abgelöst wird. Sie ist nur noch, ob geplant oder unter Druck.
Was kostet Warten konkret?
Das Muster ist bei Windows 10 gut zu beobachten, gilt aber für jedes Altsystem: Die Möglichkeiten werden weniger, und die verbleibenden werden teurer.
Wie schnell die Auswahl schrumpft, zeigt die folgende Übersicht:

Bei Windows 10 ist der Kostentreiber offen benannt: Die Erweiterten Sicherheitsupdates kosten für Unternehmen 61 US-Dollar je Gerät im ersten Jahr, 122 im zweiten und 244 im dritten. Teiljahre gibt es nicht — und wer später einsteigt, zahlt die vorangegangenen Jahre nach (Microsoft Learn, Extended Security Updates).
Warten macht die Rechnung also nicht kleiner. Es verschiebt sie und multipliziert sie dabei.
Dazu kommt der allgemeine Verzugseffekt: McKinsey und die Universität Oxford haben an mehr als 5.400 großen IT-Vorhaben gemessen, dass jedes zusätzliche Jahr die Kostenüberschreitung um durchschnittlich fünfzehn Prozent erhöht (McKinsey).
Was in der Zwischenzeit hilft
Nicht jedes Altsystem lässt sich sofort ablösen — manche hängen an Anlagen, an Verträgen oder an einer Zertifizierung, die neu erteilt werden müsste. Für diese Fälle gibt es einen Mittelweg, der oft übersehen wird: die Umgebung härten statt das System.
Konkret heißt das drei Dinge. Das System bekommt ein eigenes Netzsegment mit kontrolliertem Zugang. Der Verkehr an der Segmentgrenze wird aufgezeichnet, damit ein Vorfall überhaupt auffällt. Und der Zugriff wird auf die Personen und Systeme reduziert, die ihn tatsächlich brauchen — nicht auf die, die ihn historisch haben.
Das ist keine Modernisierung und ersetzt sie nicht. Es kauft Zeit, ohne dass sich das Risiko in derselben Zeit weiter aufbaut. Und es hat einen Nebeneffekt, der die Ablösung später erleichtert: Wer den Zugriff einschränkt, findet dabei zuverlässig heraus, wer das System wirklich nutzt.
Was Modernisierung wirklich braucht
Nicht mehr Budget. Einen Anlass und eine Reihenfolge.
Den Anlass erzeugen. Wenn die Modernisierung keinen äußeren Termin hat, geben Sie ihr einen inneren: eine feste Quote des IT-Jahresbudgets für Ablösung, die nicht verhandelbar ist, wenn ein dringenderes Vorhaben kommt. Zwanzig bis fünfundzwanzig Prozent sind eine gängige Größe.
Die Abhängigkeiten kartieren. Der unbekannte Aufwand ist der häufigste Blocker. Er lässt sich in zwei bis drei Terminen deutlich verkleinern: Welche Systeme greifen auf das Altsystem zu, welche Schnittstellen bestehen, wer nutzt es tatsächlich. Jede Zeile ohne Antwort ist das eigentliche Risiko.
In Abschnitte schneiden. Eine Ablösung als ein Block über achtzehn Monate hat keine Zwischenziele — und damit keinen Punkt, an dem auffällt, dass es schiefläuft. Drei Abschnitte mit eigener Abnahme sind langsamer geplant und schneller fertig.
Was das für Sie heißt
Warten ist eine Entscheidung, auch wenn niemand sie ausspricht. Machen Sie sie sichtbar: Schreiben Sie für jedes Altsystem auf, dass es bewusst weiterbetrieben wird, mit welcher Absicherung und mit welchem Datum zur Wiedervorlage. Danach ist es kein Versäumnis mehr, sondern eine Entscheidung.
Wann endet der Spielraum?
Nicht mit dem Supportende. Mit dem ersten Ereignis, das Sie zwingt.
Ein Sicherheitsvorfall, ein Audit mit Feststellung, ein Kunde, der Nachweise verlangt, ein Ausfall ohne Ersatzteil. Bis dahin haben Sie die Wahl zwischen Modernisierung und Weiterbetrieb. Danach nicht mehr.
Der Unterschied zwischen beiden Wegen ist nicht in erster Linie Geld. Er ist Wahlmöglichkeit. Und die verliert man nicht an einem Tag, sondern über Jahre — jedes Mal ein Stück, wenn eine Entscheidung vertagt wird, die niemand als Entscheidung wahrgenommen hat.
Fazit
Das Warten ist rational. Jedes einzelne Jahr, in dem nicht abgelöst wird, ist für sich betrachtet die günstigere Entscheidung.
Nur summieren sich diese Jahre zu einer Lage, in der es keine günstige Entscheidung mehr gibt.
Wenn Sie eine Sache aus diesem Beitrag mitnehmen: Schreiben Sie auf, welche Systeme bewusst weiterbetrieben werden — und mit welchem Datum Sie darüber erneut entscheiden. Das kostet einen Vormittag und verändert die Lage grundlegend.
Häufige Fragen
Ist es fahrlässig, ein System ohne Herstellersupport weiterzubetreiben?
Nicht zwangsläufig. Zulässig ist der bewusste Weiterbetrieb mit dokumentierter Risikobewertung und kompensierenden Maßnahmen — etwa Netztrennung, eingeschränktem Zugang und verschärfter Überwachung. Nicht zulässig ist der unbewusste Weiterbetrieb: ein bekanntes, nicht bewertetes und nicht entschiedenes Risiko ist die schlechteste Ausgangslage.
Womit fange ich an, wenn ich nicht weiß, was alles am Altsystem hängt?
Mit zwei bis drei Gesprächen statt mit einer Dokumentenrecherche. Die Abhängigkeiten, die in Unterlagen stehen, sind selten die kritischen. Die kritischen kennen die Leute, die das System betreiben — und sie erzählen davon, wenn man nach dem letzten Ausfall fragt.
Lohnt sich der Kauf von Übergangslizenzen?
Ja, wenn er an einen Migrationsplan mit Enddatum gekoppelt ist. Nein, wenn er den Plan ersetzt. Bei Windows 10 verdoppelt sich der Preis jedes Jahr, und ein Späteinstieg verlangt die Nachzahlung der vorangegangenen Jahre — die Übergangslizenz ist eine Brücke, kein Dauerzustand.
Wie überzeuge ich die Geschäftsführung von einer Ablösung ohne akuten Anlass?
Mit einer Gegenüberstellung statt mit einer Risikomatrix. Was kostet der Weiterbetrieb dieses Systems über drei Jahre — Lizenzen, Wartung, Sonderverträge, geschätzter Aufwand für Umgehungslösungen? Und was ließe sich mit derselben Summe bauen? Diese Rechnung ist in der Regel überzeugender als jede Bedrohungsbeschreibung.
Was ist der Unterschied zwischen Modernisierung und Notablösung?
Die Wahlmöglichkeit. Bei der Modernisierung bestimmen Sie Zeitpunkt, Reihenfolge und Zielarchitektur und können mit dem Hardwarezyklus verbinden. Bei der Notablösung bestimmt das auslösende Ereignis, und die Kosten liegen regelmäßig deutlich höher — weil parallel der Ausfall bewältigt werden muss.
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